Gestern Sonntag 17.08.2008, um 22:45 Uhr konnte man sich bei Sat.1- PLANETOPIA davon überzeugen lassen, wie gefährlich Online-Poker sei. Denn wenn sich die TV-Magazine mit Poker auseinandersetzen, kann das nichts Gutes heissen, schon gar nicht wenn der Untertitel „Existenzkiller Online-Poker“ lautet.
Die Frage ist, ob die Redakteure nur einschlägig recherchiert haben oder ist die Anzahl der bankrotten Online-Pokerer wirklich so hoch, dass man gar nicht lange suchen musste.
Die Ankündigung war:
“Spielsucht ist kein neues Phänomen. Doch wer darunter leidet, konnte sich bisher für Casinos oder Spielbanken sperren lassen. Die immer weiter verbreiteten Online-Casinos nehmen Spielsüchtigen diese Möglichkeit. Mit verheerenden Folgen für die Betroffenen. PLANETOPIA zeigt Menschen, die durch Online-Poker alles verloren haben.”
Stefan Schüttler, Präsident des Bad Beat Berlin e.V. durfte auch zu Wort kommen, aber ob er das Schlimmste verhindern konnte und damit den Image-Schaden von Online-Poker in Grenzen gehalten hat? Eindeutig ist auf jeden Fall, dass die Ankündigung darauf schließen ließ, dass Online-Poker bei dieser Reportage nicht gut wegkommen wird.
Hier der Bericht von Planetopia
Existenzkiller Online-Poker
Spielsucht ist kein neues Phänomen. Doch wer darunter leidet, konnte sich bisher für Casinos oder Spielbanken sperren lassen. Die immer weiter verbreiteten Online-Casinos nehmen Spielsüchtigen diese Möglichkeit. Mit verheerenden Folgen für die Betroffenen.PLANETOPIA zeigt Menschen, die durch Online-Poker alles verloren haben.
Ihr Glück dreht sich zwischen ihren Fingern, denken sie. Und ihr Schicksal liegt in den 52 Karten. Pokerspieler – voller Einsatz für einen Full House oder einen Royal Flush. Und immer mehr zocken online: Internetpoker boomt – über vier Millionen Deutsche machen regelmäßig aus ihrem PC eine Spielhölle. Und dort herrscht absolute Suchtgefahr. Psychologen warnen.
Dr. Oliver Seemann, Psychiater: „Sie wünschen sich einen Glückszustand, den sie versuchen, immer wieder herzustellen - sei es beim realen Pokern oder beim Onlinepokern. Beim Onlinepokern haben sie den Vorteil, dass sie jederzeit ins Netz können und spielen. Wann sie wollen, also auch nachts, nach der Arbeit.“
Fortan bestimmen Bube, Dame, König, Ass das ganze Leben. Dieser Online-Verführung ist auch Richard R. erlegen – dabei hat der Schwabe schon eine richtige Spielerkarriere hinter sich: Casinos wie Monte Carlo und Baden Baden waren sein zweites Wohnzimmer.
Richard R., Pokerspieler: „Im Casino sind einfach wahnsinnig hohe Beträge zu gewinnen – und ich habe schon wahnsinnig hohe Beträge gewonnen, und von daher reizt das natürlich weitaus mehr.“
Mit dem Reiz kommt sein Untergang: Richard R. ist in den Casinos plötzlich auf der Verliererstraße, geht pleite. Die Folge: Er wird in den Spielbanken deutschlandweit gesperrt, sucht statt dessen sein Glück in Österreich. Das Problem: die langen An- und Abreisen wollen finanziert sein.
Richard R.: „Ja, ich habe, bevor ich ins Casino bin, zuerst das Auto voll getankt, weil es bei mir immer nur zwei Möglichkeiten gab: entweder ich hatte Gewinn, was eh’ selten genug vorkam, oder ich war wirklich so blank, dass ich mir nicht mal mehr eine Cola kaufen konnte.“
Blank – und verbittert. Alles verspielt, nicht mal mehr das Geld für den Sprit. Sein Ausweg: mit dem letzten Tropfen Benzin gegen die Wand. Selbstmordgedanken.
Richard R.: „Ich habe die ganze Zeit mit mir gekämpft, dass ich nicht irgendwo auf den Baum oder einen Brückenpfeiler zu fahren, um mir das Leben zu nehmen.“Richard R. schafft es, hört mit dem Spielen auf. Bis ihn seine Sucht vor kurzem wieder einholt – online, am Computer, Poker im Internet.
Nach dem Download der Gratis-Software wird nicht einmal nach einem Ausweis gefragt. Um an den virtuellen Pokertisch zu kommen, genügen wenige Klicks. Sofort ist der Mitfünfziger wieder in seinem Element – erneut verfällt er dem Spiel – trotz aller Zweifel.
Richard R., Online-Spieler: „Ich habe mir fast jede Software, die ich auf dem Computer habe, schon x-Mal wieder runtergeschruppt, und habe sie später wieder drauf installiert. Weil man ja immer merkt, dass es nix gutes ist. Es ist ja nicht so, wenn man verliert, dass man das gerne tut. Sondern man spielt deswegen weiter, um das Minus, das man irgendwann hatte, wieder reinzuholen, was nie funktioniert.“
Per Kreditkarte oder Überweisung stockt der ehemalige Versicherungsmakler sein Guthaben immer wieder auf, füllt damit seine Konten bei den Web-Poker-Anbietern.
Kommt er irgendwie an Geld, geht Richard R. sofort damit online. Und spielt nicht an einem Tisch, sondern…
Richard R.: „Ich habe hier in meinen besten Zeiten acht Tische gleichzeitig gespielt. Ich hatte zwei Monitore, und auf jedem Monitor habe ich vier Tische gespielt.“
Die Anonymität des Internets verschlimmert noch alles. Zwischen Mausklicks und Monitoren verliert Richard sein Vermögen. Allein in den letzten Monaten über 100.000 Euro.Richard R.: „Ich stand ziemlich kurz vor der Scheidung, wir haben Verbraucherinsolvenz anmelden müssen, weil einfach die Sachen, die Rechnungen nicht mehr zu bezahlen waren. Solche Sachen kamen aber gerade vom Onlinepoker.“
Die pure Verzweiflung - der Schwabe dreht durch…
Richard R.: „Ich habe mit der Zeit sicherlich zehn Keyboards zertrümmert, zwei Wohnungstüren zertrümmert, den Tisch zertrümmert, meine Uhr kaputt gemacht auf dem Tisch, man muss sich ja nirgends benehmen, man kann zu Hause ja machen was man will.“
Internet-Poker – das Online-Spiel treibt manchen in den Wahnsinn. Soweit, dass nur noch ein Psychiater helfen kann. Für Dr. Oliver Seemann erhöht das Zocken im Netz ganz erheblich die Rückfallgefahr.
Dr. Oliver Seemann: “Wer früher süchtig war nach Poker, der ist jetzt in einer besonderen Gefahr, online dieses Angebot wahr zu nehmen.“
Therapiestunde bei Dr. Seemann: Der Patient: Paco, ein Pokerspieler. Früher hat er seine Gegner in illegalen Hinterzimmern getroffen. Heute ist der Computer sein Gegner.
Paco, Online-Pokerspieler: „Ich habe mit dem geredet wie mit einem Menschen. ‚Arschloch, ich mache dich fertig, mich bekommst du nicht, irgendwann gewinne ich dich!’ Die Konzentration fällt aus, dann fängt man an zu verlieren. Und dann kommt die Verzweiflung an sich selber, dann denkt man, ja, der Herrgott hat mich verlassen. Dann fängt man an, an den Teufel zu glauben, betet zu ihm, aber der hilft einem auch nicht.“
Oliver Seemann, Psychiater und Arzt. Er kann Paco zwar nicht den Teufel austreiben, aber mit einer neuen Magnetfeldtherapie sein Gehirn stimulieren. Das Ziel: positive Anregung, um die Spielsucht-Symptome zu bekämpfen.Dr. Oliver Seemann, Psychiater: „Dieses Magnetfeld erregt die Nervenzellen des Gehirns und führt zu einer Freisetzung von Glückshormonen, also Dopamin, in bestimmten Gehirnzentren, die dann die Stimmung verbessern und auch ein wohliges, harmonisches Gefühl vermitteln.“
Paco: „Also, ich muss zugeben, es ist okay. Ich entspanne - auf jeden Fall.“
Auch Teil der Therapie: Boxen. Paco soll lernen sich zu wehren.
Dr. Oliver Seemann, Sucht-Experte: „Beim Boxen lernt der Patient auch Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen, er bekommt Anerkennung, kann mit seinen Ängsten und seiner Wut besser umgehen.“
Links Paco, der Spieler, rechts, in der gelben Hose, der Psychiater. Und der weist den Zocker gnadenlos in seine Schranken. Was zählt sind die Treffer – mit Pokerface und einem guten Blatt kommt Paco hier nicht weiter.Paco: „Ich habe keine Kraft mehr. Aber es tut gut. Das Gut tun kommt jetzt danach, so in einer halben Stunde, so eine Entspannung, und dann lächelt man.“
Pokern ohne Suchtgefahr – daran arbeitet der Berliner Psychologe Stefan Schüttler. Er hat den Club Bad Beat gegründet. Bad Beat – das steht für Rückschlag. Schüttler will den Reiz des Pokerns bewahren, ohne das Spiel gefährlich werden zu lassen.
Stefan Schüttler, Psychiater: „Der entscheidende Faktor auch danach süchtig zu werden, ist der Geldfaktor. Das heißt, wenn man um Geld spielt, fördert das massiv. Bei uns, bei Bad Beat Berlin, wird nicht um Geld gespielt, das kann ich tatsächlich kontrollieren. Da ist einfach klar: Geldeinsatz, darum geht es nicht.“
Bad Beat sitzt im Keller eines Berliner Hinterhofs. Alle wollen nur eines: entspannt Pokern. Banker treffen auf Auszubildende, Mathematiker auf Monteure.
Das Spiel ist kostenlos. Der Sieger erhält Ranglistenpunkte. Gewinner gibt es so trotzdem, aber kein Suchtpotential. Die Spieler finden: Auge in Auge ist besser als Online-Poker.
Pokerspieler: „Man sieht die Mimiken, man kann sich auf die Gegner einstellen, und das Bluffen kommt natürlich sehr viel besser rüber, zum Beispiel. Aber das Bluffen ist natürlich nicht alles.“
Die Zocker-Mentalität ist hier eine ganz andere.Zweiter Pokerspieler: „Ich habe ansonsten jetzt nicht den Drang, irgendwie jetzt um Geld zu spielen, deswegen bin ich gerne hier, weil es eben hier etwas anderes ist.“
Pokerspielerin: „Ich spiele nie um Geld.“
Reporter: „Warum nicht?“
Pokerspielerin „Weil ich weiß, wie hart man dafür arbeiten muss.“
Bad Beat-Boss Stefan Schüttler hat heute abend Aufsicht. Er achtet darauf, wie die Spieler reagieren. Wer Zeichen von Sucht offenbart, dem bietet er Hilfe an.
Stefan Schüttler, Bad Beat: „Wenn ich den Eindruck hätte, dass jemand der Suchtgefahr unterliegt, dann kann es eher sein, dass er dem Alkohol frönt, als dem Pokerspiel. Das ist hier wesentlich gefährlicher, ansonsten, was ich machen würde, wäre, ich würde ihn beiseite nehmen, ich würde mit ihm sprechen.“
Und das ist in zwei Jahren Pokern bei Bad Beat Berlin, noch nie vorgekommen. Außer müden Augen am nächsten Morgen bleibt die Zockerei ohne Folgen… Für den Schwaben Richard R. dagegen ist klar: Für ihn gibt es keine Kompromisse. Es heißt: alles oder nichts.
Richard R.: „Mit der Spielsucht ist es genauso wie beim Alkoholismus. Wenn man das irgendwann zum Stillstand bringen möchte, dann gibt es nur die Möglichkeit, überhaupt nicht mehr zu spielen, oder wirklich exzessiv zu spielen.“
Online-Poker – eine neue Suchtgefahr – viele zerstören wegen weniger Mausklicks nicht nur Tische und Tastaturen, sondern gleich ihr ganzes Leben.




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